Reurbanisierung Berlins: Der Mensch mit seinem Leben und Arbeiten im Fokus der Planung

Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin präsentierte erste Ergebnisse

[Berliner Partner, 28.04.2012] Am 23. April 2012 präsentierte die Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin erste Ergebnisse ihrer bisherigen Arbeit vor einer Gruppe von Experten und Repräsentanten kooperierender bzw. sympathisierender Institutionen:

Planung mit der Zielvorstellung „Kernstadt Berlin 800“
In seiner Einleitung erläuterte Dr. Benedikt Goebel, dass diese erste Berichterstattung einen Zeitraum von vier Monaten engagierter Arbeit der Beteiligten umfasse. Auch unterstrich er die Bedeutung des Tagungsortes – die Heilig-Geist-Kapelle in der Spandauer Straße sei einst bereits für den Abbruch bestimmt gewesen, dann aber durch Bürgerengagement gerettet worden. Er dankte für die Bereitstellung dieser beziehungsreichen Räumlichkeit.
Sodann warf er die Frage auf, ob Berlin immer nur verdammt sei, zu werden statt zu sein. Damit nahm er Bezug zu der berühmt-berüchtigten Aussage Karl Schefflers über das tragische Schicksal, das Berlin dazu verdamme, „immerfort zu werden und niemals zu sein“. Scheffler, Kunstkritiker und Publizist, habe einst halb Berlin abreißen wollen – sein Diktum nun sei Rechtfertigung für die damalige Stadtzerstörung und heute für den krampfhaften Erhalt des Bestehenden, kritisierte Dr. Goebel. Wir seien heute indes keinem Stadt-Schicksal ausgeliefert; wir müssten es nur besser machen als die Generationen zuvor, betonte er.
Die Ausgrabungen der letzten zehn Jahre hätten viele historische Schichten freigelegt und ermöglichten nun eine Neuentdeckung der Geschichte Berlins durch seine Bürger. Im Stadtzentrum gebe es momentan fast nur öffentlichen Raum – die einst für Berlin übliche Durchdringung mit Privatem fehle weitgehend. Ihm gehe es dabei keineswegs um eine „Verteufelung“ des Bestehenden; es seien jeweils im konkreten Fall detaillierte Untersuchungen und Planungen erforderlich. Die Arbeit der Planungsgruppe stehe daher auch unter der Zielvorstellung „Kernstadt Berlin 800“ – also 25 Jahre Planung bis 2037.

Kein Abrissplan, sondern ein konstruktiver Ansatz, der ggf. auch Vorhandenes integriert
Die Planungsgruppe sei bei der Nachlese der letzten öffentlichen Veranstaltung des Bürgerforums Historische Mitte Berlin vom 6. September 2011 entstanden, erläuterte Prof. Hildebrand Machleidt. Man sei zu der Überzeugung gekommen, dass bloße verbale Darlegungen allein nicht überzeugen könnten, sondern Bilder erforderlich seien, um den Bürgern sichtbare oder gar erlebbare Qualitäten der Entwürfe präsentieren zu können. Die Haupt-Referenzebene für die Planungen sei dabei ein Masterplan, dessen Konturen heute noch weitgehend unter dem Rasen bzw. dem Straßenpflaster verborgen seien. Dabei seien zudem historische Funde wie z.B. die Überreste des Alten Rathauses zu berücksichtigen. Aber auch Nachkriegsbauten gelte es zu respektieren. Es dürfe am Anfang der Umgestaltung des Stadtzentrums eben kein Abrissplan stehen – ein konstruktiver Ansatz sei gefragt, der auch Vorhandenes ggf. integrieren sollte. Die vorgesehene Reurbanisierung mittels baulicher Verdichtung sollte auch unter Berücksichtigung mikroklimatischer Gegebenheiten erfolgen. Bevor man sich einem Gesamtplan widmen könne, gebe es zunächst drei örtliche Schwerpunkte der Analyse und Planung – Petriplatz, Molkenmarkt und Neuer Markt. Professor Machleidt warnte eindringlich davor, in ein „Reizklima des Rechthabenmüssens“ zu verfallen – und nahm damit Bezug auf eine aktuelle Aussage Martin Walsers zum Spannungsfeld zwischen Freiheit und Meinung.

„Monokulturen“ im Stadtbild durch Vielfalt der Nutzung auflösen
Dipl.-Ing. Peter Westrup, ein aus Frankfurt/Main nach Berlin zugewanderter Architekt, sprach sich dafür aus, die typische europäische Stadtstruktur – d.h. das Leben und Arbeiten im engen räumlichen Kontext (früher oft in einem Gebäude) – wieder herzustellen. Die Moderne habe erst zur Aufsplitterung dieser beiden Lebensbereiche geführt und dadurch „Monokulturen“ im Stadtbild geschaffen.

Moderne nahm Berlin die Ankerpunkte und hinterließ Chaos
Horst Peter Serwene als ein Repräsentant der Gesellschaft Historisches Berlin e.V. (GHB) machte deutlich, dass städtische Plätze „Ankerpunkte“ darstellten. In Berlin seien eben z.B. der Molkenmarkt und der Neue Markt verlorengegangen. Es stelle sich die Frage, was die Moderne der Stadt dafür geliefert habe – seine Antwort sei „keine Urbanität“, gar „Chaos“.

Berücksichtigung des Menschen im Zuge einer kleinteiligen, vielfältigen Nutzung
Michael S. Cullen, der bekannte Publizist, Historiker und Journalist, warf die kritische Frage nach der Berücksichtigung des Menschen im Kontext der Fokussierung auf Gebäude und Verkehrsströme auf. Er sprach sich für eine kleinteilige Nutzung des reurbanisierten Stadtzentrums aus – erst kleine Geschäfte und Gastronomiebetriebe würden es beleben, ein Leben und Arbeiten auf engem Raum ermöglichen. Er warnte davor, nur eine „Fassade“ zu errichten, die keine Urbanität schaffen würde.

In der Zeitschiene Prioritäten auf Hauptstraßen und Plätze setzen
Prof. Dr. Harald Bodenschatz empfahl, die Bedeutung des Stadtkerns für die Entwicklung der expandierenden Gesamtstadt Berlin zu untermauern. Die Planung sei also auf eine „Zeitschiene“ zu setzen, wobei es eine Prioritätensetzung auf Hauptstraßen und Plätze geben müsse. In Berlin sei das Zentrum derzeit eigentlich überwiegend ein „Transitraum“ für den Individualverkehr per PKW. Man müsse bei der Planung die städtische Vernetzung über diesen „leeren Raum“ hinaus beachten. Dabei stelle sich die Frage nach der Steuerbarkeit der Verkehrsströme in „Zeiten knapper Kassen“. Auch gelte es, die Kombination aus Wohn- und Geschäftshaus neu zu definieren.

Foren zur Mitwirkung für betroffene Anwohner öffnen
Dr. Peter Lemburg führte aus, dass die Leute, die „links und rechts“ der zu reurbanisierenden Orte leben, mit „ins Boot“ genommen werden müssten – vorhandene Ängste vor einer Umgestaltung des bisher Vertrauten sollten ernstgenommen werden. Für die Anwohner seien daher die Foren zur Mitwirkung zu öffnen.

Kenntnis des Verlorenen als Basis der Planung der Reurbanisierung
Dr. Manfred Uhlitz berichtete kurz über die Aktivitäten des von ihm geführten Vereins für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB). In den letzten Jahren habe sich der VfdGB bewusst publizistisch der Berliner Altstadt gewidmet und ihr mehrere Themenhefte seiner „MITTEILUNGEN“ gewidmet, die nun aus Anlass des Berliner Stadtjubiläums in einem Sammelband zusammengefasst würden. Den Autoren aus dem Kreis des erweiterten Vorstands sei es dabei im Prinzip um Grundlagenforschung und die Darstellung des Verlorenen gegangen – als Anstoß für die Berufenen, auf Basis dieser Erkenntnisse die Reurbanisierung zu planen. Dr. Uhlitz betonte den damaligen Charme der Stadtstruktur im Umfeld des Schlosses – die Häuser der Bürger und Handwerker hätten in bemerkenswerter räumlicher Nähe zum Schloss gestanden.

Eine Altstadt mit zwei bis drei Prozent der Stadtfläche kann 90 Prozent der Identität ausmachen
Professor Machleidt stellte die Frage „Wer baut was für wen?“ in den Fokus seiner abschließenden Bemerkungen. Zudem müsse man nach den richtigen Instrumenten für die Stadtentwicklung fragen. Das Leitbild bleibe die typische europäische Stadt, so dass man auch klären müsse, was heute als „modern“ gilt. Rund 800 Jahre Stadtgeschichte und das heute Vorhandene müssten Berücksichtigung in der Planung finden, weshalb eben kein Abriss am Beginn der Reurbanisierung stehen solle. Er führte abermals die Hansestadt Lübeck als Vergleich an – die dortige Altstadt mache vielleicht zwei bis drei Prozent der gesamten Stadtfläche, aber „90 Prozent der Identität“ aus… Für Berlin müsse also die Idee von der Kernstadt noch vor den Wettbewerben definiert werden.

Weitere Informationen zum Thema:

GTIV, 28.04.2012
Berliner Stadtkern: Heilung der klaffenden Wunde im Selbstverständnis setzt menschlichen Maßstab voraus / Beobachtungen und Anmerkungen anlässlich der ersten Präsentation der Planungsgruppe „Stadtkern“ des Bürgerforums Historische Mitte Berlin

GTIV, 09.09.2011
Die Zukunft der Altstadt in der Diskussion: 4. Bürgerforum Historische Mitte Berlin setzt auf Bürgerbeteiligung / Notizen von GTIV-Präsident Dirk Pinnow vom Vortragsabend am 6. September 2011 in der Heilig-Geist-Kapelle

GHB, Juni 2009
Horst Peter Serwene: Das Marienviertel

GHB, Juni 2009
Horst Peter Serwene: Das Klosterviertel

Berliner Historische Mitte
Förderverein zur Wiedergewinnung des alten Stadtkerns

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